Beratungsstelle für Gehörlose

Wissenswertes rund ums Thema

Gehörlos - nicht taubstumm

Das Wort „taubstumm“ ist in unserer Gesellschaft immer noch weit verbreitet, wird aber von den Betroffenen als diskriminierend empfunden, da viele Menschen mit dem Begriff taubstumm die Eigenschaft dumm verbinden und das Wort Taubheit mit Gefühllosigkeit gleichsetzen. Deshalb legen die Gehörlosen großen Wert auf die Verwendung des Begriffs "gehörlos".

Allerdings entsteht derzeit gerade ein Trend unter den jungen bzw. aktiven Gehörlosen hin zum Begriff "taub" - gut zu erkennen bspw. in der Verwendung bei der Berufsbezeichnung → "taube Dolmetscher"  oder in Selbstbeschreibungen wie "Ich bin taub".

Ach ja: Und stumm sind Gehörlose in der Regel genauso wenig wie Hörende - auch wenn nicht alle sprechen!

Wer und Was?

Rund 1 ‰ aller Menschen ist gehörlos

Übertragen auf Österreich bedeutet das: Österreichweit ca. 8.500 und in Tirol ca. 600 gehörlose Menschen. Mehr als 1.200 Menschen in Tirol benutzen aber die Gebärdensprache, um gut kommunizieren zu können.

Da vermutlich bei dieser Zahl vom medizinischen Standpunkt ausgegangen wird – und nicht von der Zugehörigkeit der Menschen zu spezifischen Kulturgruppen – kann man davon ausgehen, dass die Gemeinschaft der Gehörlosen, die sich mit der Gehörlosenkultur und deren Gebärdensprachgemeinschaft identifizieren, größer ist.

Führerscheine aller Art

Gehörlose machen Führerscheine aller Art

Gehörlose Menschen können alle Arten von Führerscheinen machen. Also wundern sie sich nicht, wenn sie LKW-Fahrer, die mit einem großen Sattelschlepper unterwegs sind oder eine Gruppe von Motorradfahrern auf Rastplätzen sehen, die sich in Gebärdensprache unterhalten. Beim Autofahren spielt das Hören nur eine geringe Rolle, denn alle Einsatzfahrzeuge mit Folgetonhorn haben auch ein Blaulicht, das man sehen kann und viele andere akustische Reize (Handy, Radio, etc.) lenken sogar mehr ab. Gehörlose haben auch eine bessere visuelle Wahrnehmung, weil sie es gewohnt sind ihre Umgebung genau zu betrachten. In einer Statistik ist sogar bewiesen, dass Gehörlose weniger Unfälle bauen als Hörende.

Gehörlose sind auch als Piloten unterwegs

Ja, da staunen wir in Europa auch noch: In den USA ist es für gehörlose Menschen möglich den Flugschein zu erwerben!

Die Gebärdensprache

Gebärdensprache zu erlernen ist herausfordernd, da sie keine Wort für Wort Übersetzung der deutschen Sprache ist (eigenständiger Wortschatz, Grammatikregeln, Redewendungen usw.). Zentrale Rolle hat der Raum; durch eine mehrdimensionale Grammatik kann sie z.B. in einer Bewegung mit passender Mimik und Körperhaltung ganze Sätze ausdrücken.

Gebärdensprache ist eine besondere Fremdsprache - anders, als wir es von unserer Muttersprache Deutsch gewohnt sind. Wir sind überzeugt davon, dass es sich lohnt, Gebärdensprache zu erlernen, denn sie wird Ihnen eine neue, facettenreiche Welt eröffnen. Falls wir Ihr Interesse geweckt haben und Sie diese wunderbare Sprache lernen möchten, schauen Sie sich doch mal die → Kursangebote an.

Ist die Gebärdensprache international?

Die Gebärdensprache ist nicht international. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, so gibt es z.B. in Österreich die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS), in Deutschland die Deutsche Gebärdensprache (DGS), in Amerika die American Sign Language (ASL) und in Frankreich die Langue des Signes Française (LSF). Es gibt sogar verschiedene Dialekte innerhalb einer Sprache, doch sie sind gut zu verstehen.

Der Grund, warum die Gebärdensprache nicht international ist, ist, dass die Gebärdensprache nicht "erfunden" wurde, sondern eine natürliche Sprache ist und sich im Laufe der Zeit natürlich entwickelt hat und sich auch jetzt noch weiterentwickelt – genauso wie die Lautsprache (gesprochene Sprache). Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit einer eigenständigen Grammatik, die sich am Raum orientiert.

Kulturgemeinschaft der Gehörlosen

In Tirol gibt es mehrere Gehörlosenvereine, die im Landesverband zusammengeschlossen sind. Dieser ist wiederum mit anderen Landesverbänden an den Österreichischen Gehörlosenbund angeschlossen. Jeden Monat finden verschiedene Veranstaltungen und Treffen in diesen Vereinen statt. Zu bestimmten Anlässen werden auch Theaterstücke in Gebärdensprache aufgeführt oder gedolmetscht.

Doch auch international gibt es viele Veranstaltungen in deren Mittelpunkt die Gebärdensprache steht, wie z.B. die Kulturtage der Gehörlosen.

CODA

CODA ist eine Abkürzung und steht für "Children of Deaf Adults" = Kinder von gehörlosen Erwachsenen. Das sind also Kinder, deren Eltern gehörlos sind. Sie wachsen mit zwei Sprachen (der Gebärdensprache und der Lautsprache) und zwei Kulturen (der Gehörlosenkultur und der Hörendenkultur) auf.

Wie werden Gehörlose in der Früh geweckt?

Es gibt zwei Möglichkeiten: den Blitzlicht- und den Vibrationswecker. Beim Blitzlichtwecker blitzt zur eingestellten Zeit die sehr helle Lampe des Weckers auf. Der Vibrationswecker wird unter den Kopfpolster gelegt und beginnt zur Weckzeit zu vibrieren, ähnlich wie ein Handy.

Mittlerweile gibt es sehr viele technische Hilfsmittel für Gehörlose, wie zb. eine Türklingelblinkanlage, eine Blinkanlage für das Fax, Babyphones mit Blinklichtmelder oder auch Blinklichtmeldegeräte für das Handy. Gerne beraten wir Sie bei einem unserer → Termine "Technische Beratung".

Sozialarbeiter sind keine Dolmetscher

Selbst wenn Sozialarbeiter gebärdenkompetent sind, sind sie deshalb noch keine Dolmetscher. Warum nicht, wenn sie doch gebärden können? Ihr berufliches Rollenbild ist ein ganz anderes: Sozialarbeiter beraten und vertreten die Interessen ihrer gehörlosen Klienten. Dolmetscher dagegen sind unparteiisch, neutral und für einen flüssigen Gedankenaustausch zwischen hörenden und gehörlosen Gesprächspartnern zuständig.

Ausbildung zum Gebärden­sprach­dolmetscher

Derzeit gibt es 3 Wege zur Berufserlangung:

Die Gebärdensprache kann in Tirol in Kursen, wie sie z.B. vom Landesverband der Gehörlosen angeboten werden, erlernt werden. Diese Kurse werden von Gehörlosen selbst abgehalten.

Erst dann ist es sinnvoll eine Ausbildung zu beginnen, etwa im Lehrgang "Achtung-Fertig-Los", der vom Österreichischen Gebärdensprach-DolmetscherInnen-Verband (ÖGSDV) organisiert wird. Parallel zur Ausbildung sollten Praktika mit erfahrenen Dolmetschern absolviert werden. Nach erfolgreichem Abschluss einer Ausbildung ist es möglich, bei der Berufseignungsprüfung, welche zweimal im Jahr vom ÖGSDV durchgeführt wird, anzutreten.
→ Homepage ÖGSDV

Seit Oktober 2009 wird an der Universität Graz das bisher angebotene Diplomstudium "Übersetzen und Dolmetsche"n vom Bachelorstudium "Transkulturelle Kommunikation" (Dauer 3 Jahre) mit anschließender Möglichkeit des Masterstudiums "Dolmetschen oder Übersetzen" (Dauer 2 Jahre) abgelöst. Nähere Informationen zu den Studienplänen finden Sie auf der  → Homepage des ITAT.

Außerdem gibt es noch die 3-jährige Fachausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher bei GESDO in Linz. Es handelt sich um eine 3-jährige Vollzeitausbildung für die keine Vorkenntnisse in der Österreichischen Gebärdensprache notwendig sind.
→ Homepage GESDO